I´m your Man – Das Leben des Leonard Cohen

„He´s our man, in Ewigkeit, Amen.“ Das schrieb der Spiegel zur Biografie über Leonard Cohen, verfasst von Sylvie Simmons und herausgegeben vom btb Verlag. Die Biografie selbst ist 720 stark, ein echter Wälzer also. Aber definitiv eines der kurzweiligsten Leseerlebnisse die ich jemals hatte. Ich war im Buchladen unterwegs und war jetzt nicht auf der direkten Suche nach diesem Buch.

Obwohl ich sagen muss das ich ein großer Fan bin von Biografien. Es werden in ihnen ja häufig die verrücktesten Lebensgeschichten möglichst originalgetreu widergegeben. Es ist sehr interessant zu begreifen,  wie manche großen Persönlichkeiten in bestimmten Situationen reagieren, welche Entscheidungen sie treffen und was daraufhin mit ihrem Leben passiert ist.

Schön ist auch zu sehen das die großen Biografien auf keinen Fall alle geradlinieg verlaufen sind. Eher baumwurzelartig. Daraus lernen wir das es den geraden Weg also nicht gibt, wer nie abgebogen ist, in einer Sackgasse hängen geblieben ist, falsch in die Einbahnstraße eingefahren ist, sich komplett verfahren hat, aus der Spur gekommen ist, die falsche Ausfahrt genommen hat, der hat nicht gelebt. Das sagen uns diese Biografien. Deswegen lese ich sie so gerne.

Was noch auffällt, nach jedem dunklen Tal kommt in den meisten Biografien häufig eine lichtdruchflutetes, freies Waldstück. Und das beste, oft stellem sich die vermeintlichen falschen Ausfahrten im Nachhinhein als ein einziger Glücksfall heraus.

Von jeder einzelen Biografie kann man was für sich selbst mitnehmen. Man beobachtet sie und analysiert gleichzeitig. Man fragt sich wie man selbst wohl hier und dort reagiert hätte. Schaut sich aber auch an wie der Hauptprotagonist so manches angegangen ist und zieht daraus wieder Schlüsse auf sein eigenes Leben. Da sag ich mir dann häufig: „Ah, guck an, so hat er das gemacht. Ja, das ist ein sehr interessanter Blickwinkel. So hab ich da noch gar nie gesehen“. Oder ich sage sich: „Wie kann er das machen. Ist der total verrückt. Das würde ich mich nie trauen. Oder vielleicht doch. Sollte ich das tatsächlich auch mal ausprobieren?“

Auf alle Fälle bekommt man Anregungen. Anregungen sind immer was gutes, weil dadurch etwas in Bewegung gesetzt wird. Wer sich bewegt hat auch die Chance andere oder etwas zu bewegen. Das ist ein guter Prozess.

Kommen wir jetzt aber direkt wieder zum Buch über Leonard Cohen. Ich muss ehrlich gestehen, ich sah dieses Buch also im Regal, und ihr kennt das vielleicht, wusste nicht genau was da drin steht, um was es geht, aber hatte das Gefühl das das ein Buch war das ich unbedingt lesen will, ja muss.

Ich wurde nicht enttäuscht. Leonhard Cohen war mir bis zu dieser Biografie ein völlig unbekannter Typ. Vom Cover dachte ich erst er ist der Halbbuder von Bob Dylan. Ist er nicht. Aber beide sind tatsächlich gute Freunde.

Ich glaube, es gibt da dieses eine Lied von Leonard, das die ganze Welt kennt. Auch die Leute, die nicht wissen wer Leonhard Cohen ist. Das Lied heißt „Halleluja“. Ein Wunderschöner Song. Also, zum Einstieg dieser Song

Die Aufnahme ist vom Jahr 2008, als ein Konzert von Leonard in der Londoner 02 Arena komplett aufgezeichnet wurde.

 

Leonhard Cohen, das ist nicht nur irgenein Musiker, das ist in erster Linie auch der der Lyriker, der Autor, der Songschreiber, der Buddhist, der Gentleman. Ein absolutes Gesamtkunstwerk möchte man sagen.

Außerdem immer perfekt gekleidet im feinsten Zwirn. Um aus dem Buch zu zitieren. Angesprochen von seiner Biografin auf seine perfekten Kleidungsstil, egal wo man ihn antrifft, gibt Leonard zu Protokoll: „Schätzchen, ich wurde in einem Anzug geboren“.

Ich finde das eine gute Einstellung. Egal in welcher Lebenslage, auch wenn man innerlich total zerrütttet ist, sieht man doch noch gut aus. Man sieht immer genau da gut aus wo man richtig ist. Und man ist immer genau da richtig, wo man gerade ist!

Im Buch erfährt man also seine interessante Geschichte. Wie es dazu kam das er ein so vielfältiger Künstler wurde.

Auch erfährt man wieso Leonhard, obwohl fest versattelt im jüdischen Glauben mit all seinen Zeremonien, ein buddhistischer Priester wurde und noch immer Tag ein tagaus in ein buddhistisches Kloster geht um Zen-Meditation zu betreiben. Mit 60 Jahren entschied er sich sogar, sein verrücktes Künstlerleben gegen ein „strenges, und diszipliniertes Leben“ auf dem Mount Baldy in einem Zen-Center auf 2000 Meter Höhe einzutauschen. Er bezeichnet die dortigen Rinzai Mönche als „die Marines der spirituellen Welt“. Mehr soll hier nicht verraten werden

Nebenbei gab er sich immer wieder Perioden des Fastens hin. Hierzu bemerkt er: „Wenn ich leer bin, kann ich empfangen, wenn ich empfangen kann, weiß ich, daß es von außen kommt, nicht aus mir selbst, und wenn es von außen kommt, weiß ich daß ich nicht allein bin. Diese Einsamkeit, ich ertrage sie nicht“

Zwischendruch ist Leonhard oft der traurige Held, der der Welt mit seinem Schaffen so viel gibt, sich selbst aber immer wieder schwer tut Fuß zu faßen im Leben und irgendwo anzukommen, vor allem bei sich selbst. So schreibt die Biografin: „Er begreift das innere Ethos der Verletzung und Heilung und die Tragödie des menschlichen Daseins, die darin besteht, dass wir nichts besonders gut für dieses Leben geeignet sind, uns aber trotzdm irgendwie unseren Weg bahnen müssen“

Leonhard selbst stellt im Hinblick auf seine jungen Künstlerjahre fest: „Zwei Eigenschaften sind für einen jungen Mann, der am Anfang seiner Karriere steht, von größter Bedeutung – Arroganz und Unerfahrenheit. Nur ein sehr starkes Selbstbild lässt dich weitermachen in einer Welt, die sich verschworren hat, dich zum Schweigen zu bringen.

Ein weiteres, sehr interessantes Kapitel stellt seine Beziehung zu Frauen da. Leonhard war immer in Liebschaften verstrickt, sobald es aber darum ging Nägel Mit Köpfen zu machen, stellte er fest, daß es ihm völlig ausreichte in einem Hotelzimmer zu leben und dort im Songschreiben, Gedicht verfassen oder Buch schreiben aufzugehen. Trotzdem gab es ein paar sehr wichtige Frauen in seinem Leben denen er auch immer wieder ganze Lieder widmete. Wenn es dann auseinanderging hatte nie eine Partei über die andere irgendetwas schlechtes zu berichten. Ganz im Gegenteil, Leonhard ist bis heute mit all seinen ehemaligen Freundinen und Frauen immer noch gut befreundet. Was ja heutzutage für viele ein Ding der Unmöglichkeit darstellt.

Kinder hat er übrigens auch. Zwei Stück. Einen Sohn und eine Tochter. Der bekannteste Song handelt von seiner größten Muse Marianne. Mit ihr lebte er lange Zeit aud der abgeschiedenen griechischen Insel Hydra, die bis heute frei von Autos, Hotels und irgendwelchen künstlichen Anlagen gehalten wird. Ein unberührter Fleckchen Erde also. Somit jetzt also, So Long, Marianne

Leute die sich für die trauen, die trauen sich etwas. Da steckt im Wort ja schon drin. Leonard sagt über die Ehe: „Die Ehe ist die härteste spirituelle Übung der Welt. Die Leute fragen immer wie man es erträgt, stunden- wochen- oder sogar monatelang auf dem Mount Baldy zu sitzen, aber das ist nichts, verglichen mit der Ehe. Wenn man sich richtig engagiert und wirklich da ist, dann ist das Selbstreflektion rund um die Uhr. Mit anderen Worten: Wer du bist, wird von deinem Ehepartner gespiegelt, jeden Tag, Minute für Minute, Stunde um Stunde.

Ich würde sagen das ist eine ehrwürdige Verbeugung für die Ehe und die Leute, die sich trauen den Bund für´s Leben gemeinsam mitzugehen.

Liebe ist und bleibt ein wichtiges Thema in all seinen Werken. Er spricht dabei immer wieder von der Unbeständigkeit der Liebe und der Bestänigkeit des Begehrens. Einer meiner Favoritensongs zu diesem Themen:

Take this Waltz

Leonhard hat in seinem Leben viel versucht um mit sich selbst und mit der Welt klarzukommen. Dabei hatte er auch immer depressive Phasen. Was seinem künsterlischen Schaffen aber keinen Abbruch tat, ganz im Gegenteil. Leonhard versuchte sich stetig durch die Kunst auszudrücken und auch zu heilen. Eine der schönsten Stellen im Buch ist die Erzählung als die Depression plötzlich verschwunden war: „Man steht morgens auf und denkt nicht als erstes: Oh gott, schon wieder ein Tag, wie soll ich den nur überstehen? Was soll ich nur machen? Gibt es vielleicht ein Medikament? Oder eine Frau? Oder eine Religion? Irgendetwas, was mir aus dieser Situation heraushilft? Der Hintergrund ist jetzt sehr friedlich. Die Depression ist verschwunden?

Wer jetzt denkt, die Biografie hat nur etwas für spirituelle Erleuchtungen und wunderschöne Liebeslieder übrig, der liegt falsch. Die Momente des Rock and Roll kommen nicht zu kurz. Leonard hat auch mit allen möglichen Mittelchen herumexperimentiert die einem als Künstler ja neue Horizonte eröffnen sollten. Er trank, nahm Drogen, rauchte. Einmal ritten er und seine Band mit echten Pferden auf die Bühne, nachdem mitten in Texas der komplette Tourbus versagt hatte. Um das Konzert doch noch zu spielen entschied sich die Band kurzfristig von einer Ranch Pferde auszuborgen. Wenn daß mal nicht Rock and Roll ist. Also ist das Buch für die Fans von Sex, Drug´s and Rock and Roll, oder bessergesagt von dem Klischee auch absolut empfehlenswert

Am Ende ist er mit sich selbst in Reise gekommen, der gute Leonard. Hat soviel erlebt, durchlitten, geliebt, gehofft, gesunden, gedichtet, gebetet, meditiert. Ein Leben voller Extreme. Dabei hat eruns soviel hinterlassen wie selten ein anderer Künstler. Mich hat er auf alle Fälle sehr inspiriert.

Eines der bewegendsten Lieder, das bis jetzt auch eine seiner letzten Veröffentlichungen darstellt, ist das Lied „Anthem“. Die Hymne, seine Hymne, seine Ode an uns. Ein Lied, daß uns nie vergessen lässt das irgendwo, wo Dunkel ist auch immer irgendwo ein Spalt ist, wo Licht hineinfällt. Egal wie es kommt. Dunkel und Licht, untrennbar verbunden im polaren System, es ist überall von beidem was drin. Mach weiter, immer weiter. Anthem:

Ring the bells that still can ring, forget your perfect offering, there is a crack, a crack in everything, that´s how the light get´s in

 

Also, ich kann euch diese Biografie nur empfehlen. Ich kann euch insgesamt empfehlen Biografien zu lesen. Holt euch die Inspiration der Leute, die uns mit ihren Liedern, Reden Gedichten, Büchern; ihrem Schauspiel, ihrem Gesang bewegt haben.

Leonhard Cohen – I´m your man

If you want a boxer

I will step into the ring for you

And if you want a doctor

I`ll examine every inch of you

If you want a driver, climb inside

Or if you want to take me for a ride

You know you can

I´m your man

Ich wünschte ich hätte dieses Lied geschrieben, den ich könnte mich wahrscheinlich nicht besser ausdrücken wenn es darum geht, das Herz einer Frau zu erobern. Alle Achtung, Leonard

Wer jetzt nicht gerade eine Leseratte ist, von Leoard aber gern eine CD in seiner Sammlung hätte, der sollte sich auf alle Fälle Leonard – Live in London besorgen. Ein wahnsinnig intensives Konzert, wobei sich ein Hit nach dem anderen reiht. Wo man auch merkt das Mr.Cohen nach all den Jahren die perfekte Mischung zwischen Einzelpräsenz auf der Bühne und Gesamtpräsenz und Teamwork mit seiner Band gefunden hat.

Auf alle Fälle viel Spass mit Leonard Cohen

Und ja, der Spiegel hatte recht, mit seiner Annahme:

„He´s our man, ein Ewigkeit, Amen.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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