Wiesn is?!

Anlässlich zur Einleitung in diesen Bericht zum 181. Oktoberfest ein Klassiker von Gerhard Polt.

16 Tage lang kann also ab heute wieder ordentlich dem „Prosit der Gemütlichkeit“ im „Himmel der Bayern“ gefröhnt werden. Wiesn-Wahnsinn. Für die obligatorische Maß Bier wird dieses Jahr zwischen 9,70 und 10,10 veranschlagt. 1950 kostete die Maß noch 1,80 DM. Da werden jetzt viele wieder auf die „gute alte Zeit“ verweisen. Allerdings lag der durchschnittliche Stundenlohn eines arbeitenden Menschen damals bei 1,24 DM. So gesehen wurde im Jahr 1950 82 Minuten lang für eine Maß Bier geschufftet.

Beim heutigen Durchscnitts-Stundelohn von 17,40 Euro dagegen, muss umgerechnet nur noch 34 Minuten für die kühle Maß gearbeitet werden. „Weniger Arbeiten für mehr Bier“, sagt sich da jetzt der Okotberfestbesucher, „nicht schlecht.“  Die Preise für den goldenen Gerstensaft sind ebendeshab seit jeher auch ein guter Gradmesser für den wachsenden Wohlstand einer Gesellschaft. Hopfen und Malz, Gott erhalt´s!

Deswegen hier jetzt für Erstmaßstemmer (also sozusagen Wiesnerstsemester) und auch für gstandende Wiesnbesucher eine wunderbare Anleitung von Harry G, einem wahren Vertreter des Münchner Grant (dem Blues des Süden)

Letztens habe ich noch ein sehr interessantes Interview zum Thema „Wiesn“ in meiner heißgeliebten Wochenzeitung „Die Zeit“ gelesen. Interviewt wird dabei Tamara Lunger, eine 28-jährige Extrembergsteigerin aus Südtirol. Sie ist eine der vielen Bedienungen, die sich ab heute wieder 16 Tage lang in einem Okotberfestzelt abmühen, damit der Rausch möglichst schnell an den Mann oder an die Frau gebracht wird.

Hin und wieder tauchen ja wahnsinnige Summen als Verdienst eines Kellners oder einer Kellnerin auf dem Oktoberfest auf. Da ist häufig von 20.000 Euro die Sprache. Frau Lunger tut dies als „Fantasiebetrag“ ab, sie könne zwar ganz gut mit dem Verdienst leben, aber 20.000 würden nicht mal die Kellner verdienen, die 16 Tage lang nur die berühmt-berüchtigte Münchener Schickeria mit 3000 Euro teurem Schampus bedienen.

Auch über die Schickeria weiß Harry G. etwas zu berichten

Weiter erzählt Tamara Lunger im „Zeit Interview“ beim Vergleich zwischen Abgeschiedenheit in purer Natur auf einer Bergexpedition und 16 Tage Wiesn Wahnsinn offen und ehrlich von einem folterähnlichen Zustand für ihr Gemüt. Kein Wunder, bei dem Gedanken daran, jeden Tag in der Endlosschleife die gleichen „Wiesn-Hits“ zu hören, nebenbei besoffene Horden mit der „Bierdroge“ zu versorgen (wieder aufgefüllte Gläser mit Erbrochenem oder Urin inklusive), dann spät am Abend nach der Zelträumung noch Aufräumen und Putzen, nur um dann um 9 Uhr morgens wieder gutgelaunt in voller Montur den Wahnsinn des Vortages nochmal zu durchleben, kann einem schon mal das Wort „Folter“ über die Lippen huschen.

Da fragen sich jetzt viele, wieso sie sich das dann antut. Klar, obwohl jetzt vielleicht nicht 20.000 Euro verdient werden können, gibt es wohl kaum eine andere Möglichkeit in 16 Tagen mehr steuerbefreite Währung (Trinkgeld) einzunehmen. Dazu kommt das Festgeld, das man für die 16 Tage Anstellung bekommt.

Tamara Lugner finanziert sich so zum Beispiel ihre nächste Expedition in die wunderbare Bergwelt und sichert sich gleichzeitig ab, ihre Expedition nicht wegen unkalkulierbaren Kosten, die bei solchen Unternehmungen keine Seltenheit sind, abbrechen zu müssen. Was sind da schon 16 Tage „Blasmusikfolter“?

Das komplette Interview gibt´s hier

Mit Maß und Ziel

Allemal Respekt vor den Damen und Herren die sich für uns ins Getümmel stürzen, damit wir auch beim nächsten „Prosit“ einen Schluck vom herrlichen, kühlen Blonden zu uns nehmen können. Obwohl jeder weiß, das der Inhalt der Maß mit mehr und mehr Schunkeln und Zuprosten eher zu einer ungenießbaren, lauwarmen Brühe verkommt! Auch dafür zahlt man ja irgendwie mit.

Für die Damen der Schöpfung ist es oft wichtig, bei der Wiesn Partnerbörse schon vor den ersten Gesprächsversuchen mit dem Bierbankgegenüber ein Statement abzugeben. Ich spreche hier nicht vom „Da Vinci Code“ sondern vom „Dirndl Code“.

Denn die leichteste und verständlichste Art der Darlegung des Familienverhältnisses auf der „Wiesn“, ist das Binden der Dirndlschleife. Wird also die Schürzn auf der linken Seiten gebunden, so heißt das „Ich bin ledig und noch zu haben“. Weißt die Dirndlträgerin eine Schleife auf der rechten Seite auf ist sie schon vergeben. Wer sich wundert gerade ein Madl mit einer rückseitig mittleren Schleife gesehen zu haben, der hat wahrscheinlich eine Bedienung erblickt.

Zum Dirndl im Allgemeinen hat sich der gute Harry G so seine Gedanken gemacht.

Apropos Trachten. Mittlerweile ist es ja quasi eine Pflicht für einen jeden Wiesn-Besucher, eine Lederhosn oder ein Dirndl anzuziehen. Heißt quasi mittlerweile für das Oktoberfest:

Nicht in jeder Tracht steckt auch ein Bayer.

Das ist jetzt mittlerweile wie mit dem Überraschungsei. Erst wird geschüttelt und geshakert, aber am Ende kommt eben nicht immer die gestandene bayerische Mannsbildfigur oder die Vroni aus Niederbayern zum Vorschein sondern man findet sich vielleicht mit einem besoffenen Erstwiesenbesucher oder einer besoffenen Erstwiesenbesucherin aus einem anderen Teil dieser Welt am Fuße der Bavaria wieder.

Denjenigen oder diejenige gilt es jetzt erstmal wieder wie ein Spielgerät im Ü-Ei nach allen Regeln der Kunst zusammenzubauen, nachdem er oder sie sich im Rausch quasi aller Einzelteile entledigt hat. Autoschlüssel, Armbanduhren, Handy, Digicam, Ausweis, und Gedbörse. Das ist nur eine kleine Auflistung der Gegenstände, die vom Wiesn-Funbüro nach drei Monaten versteigert wird, wenn sich bis dato niemand gemeldet hat.

So ist das, man erwartet den „Himmel der Bayern“ und findet sich oft in einer „Hölle der Gemütlichkeit“ wieder, umgeben von einer Horde bekleideter Betrunkener.

Ist die Wiesn mittlerweile also eine nie endende Fasnacht?

Dazu hab was aus dem Nähkästchen. Als ich einmal bei einem Ausflug zum Münchener Oktoberfestmuseum im November in München quasi aus dem Untergrund der U-Bahn auf einer Rolltreppe hochgefahren kam, brüllte mir jemand in Bezug auf meine Tracht entgegen: „Das Oktoberfest ist vorbei“.

Das war damals irgendwie so ein Hall -Wach Moment. Was ich schon länger ahnte, wurde mir hier bestätigt. Die meisten Leute sehen eine Tracht mittlerweile als eine einmalige Gelegenheit im Jahr an, quasi wie im Fasching mit dem Piratenkostüm.Nach dem Motto: „Wir gehen wir halt jetzt mal in Tracht zur Wiesn, aber sowas trage ich doch nicht im Alltag“! Als Kostüm erlaubt, als alltägliche Kleidung verschrien.

Hauptsache eine billige Tracht von C & A, die man zur Not danach auch entsorgen kann. Trachten-Discounter. Wenn ich das schön höre. Was ist den hier los? Eine Tracht ist ein Kulturgut. Für eine gescheite Lederhosn, wenn man nicht das Glück hat eine schöne alte vererbt zu bekommen, sollte man auch bereit sein, ein bisschen mehr zu bezahlen. Handarbeit ist Handarbeit. Je öfter man eine Lederhosn trägt, desto schöner wird sie. Anscheinend ist das heutzutage nicht mehr vielen Leuten bekannt.

Deshalb ein Zwischenappel von mir:

Entweder setzte ich mich mit der Tracht und dem Brauchtum auseinander oder eben nicht. Dann tut aber bitte nicht so als seid ihr die coolsten Ober oder besser noch Über-Bayern, die eigentlich im Moment nur mit dem Strom schwimmen und sonst noch nie etwas von dem Wort „Tradition“ gehört haben. Cool ist der, der sich auch mal über Trends hinwegsetzt! Und kommt mir jetzt bitte nicht mit der „Mia san Mia“ Gravierung von eurem niegelnagelneuen Bayern Trikot.

Über die Entwicklung der Tracht in unserer Neuzeit hat sich Harry G. wunderbare grantige Gedanken gemacht:

Zu guter Letzt eine Anekdote aus meinem letzten Urlaub in Irland. Bei einem gemütlichen Guinness im Pub bin ich soeben mit zwei einheimische Leit aus Galway ins Gespräch gekommen. Und wie´s halt so is, über das Thema Fußball und Bayern München auf das demnächst startenede Oktoberfest gekommen. Ja, Bayern München und „Bierfest“, mit diesen Begriffen kann man jedem Einheimischen im Ausland klarmachen, wo man herkommt.

Auf alle Fälle hat mit der eine Ire erzählt, daß er dem Oktoberfest dieses Jahr einen Besuch abstatten möchte. Alles sei organisiert. Flug, Hotel, Zelt. Nicht schlecht. Wie lang er den dort bleiben möchten, war daraufhin eine meiner nächsten Fragen. 4 Tage!!!

„4 TAGE“? Da musste ich erstmal kräftig schlucken. „Na ja“, erwiederte er, „also drei Tage trinken ist auf alle Fälle drin, den einen Tag dazwischen fahren wir die Fahrgeschäfte“. Hola, die Waldfee. Auch drei Tage im Bierzelt ist nicht´s für ein schwaches Gemüt. Da die Iren aber weitgehend trinkfest sind, glaube ich, das er dort eine gute Zeit haben wird.

Den restlichen Pubabend verbrachte ich auf alle Fälle damit, ihm beizubringen, wie man „Mia genga jetz auf´d Wiesn“ sagt. Das hat am Ende auch ganz gut geklappt.Mir gefällt die Vorstellung sehr gut, das mein irischer Freund auf seiner Reise in München jedem Deutschen, der höflich im besten oder auch schlechtesten Englisch fragt: „What are you doing in Munich then“ oder „What are your plans for the next days?“ ein zünftiges „Mia genga jetz auf´d Wiesn“ entgegenschmettert.Ich glaub mit diesem Satz hab ich ihn ganz gut ausgestattet, um durch alle Gefahren die im schönen Bayernland auf ihn warten, durchzukommen.

Ja, so ist das. Am Oktoberfest da scheiden sich die Geister. Vor allem aber freuen sich die Festzeltwirte, die Stadt München und die Billigtrachtenhersteller. Daweil hat das ganze mal so romantisch mit einer Hochzeit und einem Pferderennen begonnen. Egal, Wiesn is!!!

Wenn ich jetzt hier gerade so aus dem Fenster blicke dann sehe ich wirklich den Himmel der Bayern. Ganz ohne lacke Maß und dröhnende Mainstreamblasmusik. Ein wunderschöner Moment, kurz vor de Sonnenuntergang

Schön hier zu leben, definitiv.

Hui, und ja, da gibts ja noch die Oide Wiesn aufm Oktoberfest. Bayerisches Brauchtum, jugendfrische Volxmusik, kulinarische Schmankerl und nostalgische Fahrgeschäfte. Dazu noch die Maß billiger und super schicke Tonkrüge.

Doch, das hat was. Das haben sie gut gemacht, die Wiesnleit.

Also, was mach ma jetzt die nächsten 16 Tage?

I denk mia genga a mal auf d´Wiesn 😉

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