Bobby Sands

Bobby Sands war irischer Freiheitskämpfer, Poet und Gefängsnisinsasse in einem. Nebenbei wurde er während seines Aufenthaltes im „Maze“ Gefängnis, ansässig in der nordirischen Stadt Lisburn, zum Abgeordneten für die nordirischen Countys Fermanagh und South Tyrone ins britische Unterhaus gewählt.

Nach traumatischen Erfahrungen mit protestantischen Gewalttätern entscheid sich Sands im Jahr 1972 dafür, ein Mitglied der I.R.A zu werden (Irish Republican Army). Diese hatte es sich mit ihren historischen Wurzeln seit der Gründung 1916 (Easter Rising) zur Aufgabe gemacht, Irland von der jahrzehntelangen Besetzung Großbritanniens zu befreien. Die I.R.A. war quasi die Volksarmee der freien Republik Gesamtirlands.

Dieser Konflikt, auch vielen unter „Nordirlandkonflikt“ bekannt, ist ein historischer, tiefgründiger, verwurzelter und bis heute andauernder Giftstachel in der Geschichte Irlands und Großbritannien. Entstanden aus den politischen Weltmachtsansprüchen von England bzw. dem Königreich Großbritannien zieht er bis zum heutigen Tage seine Kreise wenn es um Zugehörigkeit, Glaube und Weltanschauung in Irland bzw. Nordirland geht. (Bis zum heutigen Tage gibt es nun die Freie Republik Irland und Nordirland, welches zum Vereinigten Köngireich gehört).

Bevor es letztendlich zu einem Friedensprozess (1988) und zum Waffenstillstandsabkommen der I.R.A. (1994) kam, hat diese Auseinandersetzung in den letzten 30 Jahren ungefähr 3600 Menschen das Leben gekostet.

Soviel zum Hintergrund. Zurück zum Titelthema Bobby Sands.

Nachdem Bobby Sands schon einmal wegen illegalen Waffenbesitzes eine Haftstrafe verbüsste wurde er nach einer Schiesserei mit der Polizei nach 11 Monaten Untersuchungshaft im September 1977 erneut zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt.

Für die I.R.A. Häftlinge gab es im „Maze“ Gefängnis (auch als Long Kesh bekannt) eigene Blöcke. Die sogennaten „H-Blocks“ (da sie von oben wie ein geschriebenes „H“ aussahen). 350 Insassen zählte das Gefängnis ab dem Jahr 1977, die wegen terroristischer Tätigkeiten oder Beweislasten dort ihre Haftstrafe absassen.

Die nordirischen Männer wollten den Status als „Terroristen“ nicht so stehen lassen und einen Status als „politische Gefangene“ durchsetzen, da ihrer Meinung nach Nordirland unrechtmäßig durch die Briten besetzt wurden und somit ein rechtmäßiger Befreiungskrieg geführt wurde.

Für die Mitglieder der I.R.A. waren die Briten die wahren Störenfreide, die mit sofortiger Wirkung aus Nordirland abziehen sollten um einem vereinten Irland nicht mehr im Wege zu stehen. Die knallharte Regierung unter der „Iron Lady“ Margret Thatcher verweigerte jedoch jegliche Eingeständnisse im Bezug auf die als „Terroristen“ abgestempelte I.R.A.

Bobby Sands schrieb während seiner Haftstrafe das Buch „One day in my life“. Sands schrieb das Buch auf jeglichen Utensilien, die er irgendwie in seine Zelle geschmuggelt bekam, den Stift versteckte er die meiste Zeit in seinem Körper. Das Buch, bzw. was davon an die Öffentlichkeit geraten ist, kann heute ganz normal und legal im Buchhandel erworben werden. Wie der Name schon sagt, handelt das Buch von einem einzigen Tag im „Maze Gefängnis“ aus der Sicht von Bobby Sands.

Die Lektüre selbst ist ein beeindruckendes Werk über einen Freiheitskampf, der versucht wird, mit allen Mitteln verhindert zu werden. Ebenso ist es ein einzigartiges Beispiel dafür, das selbst mit der dunkelsten Zelle und der schlimmsten Folter der Gedanke der Häftlinge, in ihrem Tun und Handeln für ihre Heimat absolut richtig gehandelt zu haben, nicht gebrochen werden konnte. Dieses Dokument zeugt also von Leiden, Entschlossenheit, Angst, Mut und Glauben. Bobby Sands steht dabei für jeden einzelnen Insassen des H-Blocks.

Bobby Sands fungierte zu der Zeit, als er das Buch verfasste, auch als Sprachrohr für seine Mitinsassen. So führte er die irische Sprache als Kommunikationsmittel ein, wenn etwas unter den Gefangenen ausgetauscht werden sollte, was die britischen Aufseher nicht mitbekommen sollten. Außerdem hielt er jeden Tag einige Minuten sportlicher Ertüchtigung mit den anderen Gefangenen ab. Dies geschah durch Kommandos Sands, worauf alle Häftlinge z.B. gemeinsam Liegestützen usw. in ihren Zellen machten. Sands war es wichtig, das die Männer trotz der Haft körperlich in Form blieben und ein Stück Normalität zwischen all der Grausamkeit wahrten.

Aufmerksamkeit erlangten die H-Block Insassen auf der ganzen Welt, als Bobby Sands während seiner Haft am 09.04.1981 von der Bevölkerung Nordirlands zum Abgeordneten für die Bezirke Armanagh und South Tyrone gewählt wurde. Er wäre somit eigentlich bemächtigt gewesen, im britischen Unterhaus über die Zukunft Nordirlands abzustimmen. Die britische Regierung jedoch verweigerte jedoch jegliche politische Aktivitäten von Sands, da dieser in ihren Augen immer noch ein Terrorist war.

Sands erlangte durch diese Wahl und die Verweigerung der Briten, dies anzuerkennen, nur noch weitere Hochachtung und Sympathiepunkte. Nicht nur in Nordirland, sondern in der ganzen Welt. Das erhöhte den Druck auf Großbritannien, die mit ihrer „Zero Tolerance“ Politik immer mehr negative Presse machte. Trotzdem sollte es noch lange andauern, bis etwas an den menschenunwürdigen Verhältnissen in Long Kesh geändert wurde.

Die Insassen selbst wehrten sich gegen die britische Macht auf mit mehreren Protesten auf ihre ganz eigene Weise. Vom anfänglichen Verweigern der Gefängsniskleidung (Blanket Protest), über dem Verschmieren ihrer Fäkalien in den Zellen inkl. Urinüberflutung auf den Gängen (Dirty Protest) bis hin zum Hungerstreik stellten sie klar, das sie weiterhin als „politische Gefangene“ anerkannt werden wollten. Der erste Hungerstreik dauerte 55 Tage an. Er wurde beendet, als Unterhändler der Regierung den Gefangenen Zugeständnisse machten.

Später stellte sich allerdings heraus, das von diesen Zugeständnissen nur ein Bruchteil eingehalten werden sollte, bzw. die Versprechungen in ihr Gegenteil verkehrt wurden (so wurde den Gefangenen unter anderem ihr Anliegen gewährt, keine Gefängsniskleidung tragen zu müssen. Statt ihnen aber daraufhin aber wie gefordert ihre private Kleidung zu ermöglichen, gab man ihnen einfach eine andere einheitliche Kleidung, die sie immer noch als Terroristen abstempelte)

Daraufhin wurde der zweite und endgültige Hungerstreik eingeleitet. Nachdem er schon den ersten initiiert hatte, trug Bobby Sands auch den zweiten als einer der Hauptverantwortlichen mit. Um den Druck auf die britische Regierung zu erhöhen, sollte jede Woche ein weiterer Häftling zu streiken beginnen. Als Sprachrohr und gewählter Abgeordneter begab Bobby Sands sich symbolhaft als erster in die Verweigerung der Nahrungsaufnahme. Er verstarb nach 66 Tagen Hungerstreik am 05.05.1981. Seiner Beerdigung in Belfast wohnten über 100.000 Menschen bei.

Erst nachdem 9 weitere Häftlinge durch Nahrungsverweigerung in den bewussten Tod gegangen waren, intervenierte die britische Regierung im Oktober 1981 und gestand den Gefangenen nun vier ihrer fünf Forderungen zu. Einzig und allein die Forderung, nämlich das Recht der Verweigerung von Gefängnisarbeit, wurde nicht offiziel anerkannt. Dies hätte schließlich den Status „politsche Gefangener“ zur Folge gehabt. Diese Blöße wollte man sich in Westminster nicht geben.

Bobby Sands hatte bis zu seinem Tod hunderte Gedichte und Lieder aus dem Gefägnis schmuggeln lassen. Dies geschah, als er die Schriftstücke, die er verfasst hatte, in Plastikfolie einwickelte und seinen Gegenübern, während der Besuchszeiten, per Mundkuss heimlich übertrug. Bobby Sands führte also trotz jeglicher Determinierungen von seiten der Briten seinen Befreiungskampf weiter, indem er sich die erfahrene und gefühlte Ungerechtigkeit vom Herzen schrieb.

Was er uns hinterließ ist die Tatsache, das es nicht auf die Umstände ankommt, in denen wir uns gerade befinden. Kunst und Poesi, und somit Kreativität, kann immer und überall stattfinden, es spielt keine Rolle ob das in einer dunklen Zelle oder in einem lichtdurchfluteten Raum ist. So war zwar Sands Körper eingesperrt, sein Geist aber bis zum Ende frei.

Wer sich mehr für die Geschichte rund um den Hungerstreik und Bobby Sands interessiert, dem sei empfohlen, sich die Filme „Some mother´s son“ und „Hunger“ anzuschauen. Beide geben ein mal mehr, mal weniger differenziertes und unterschiedliches Bild dieser wahren Ereignisse ab. Beide sind aber gleichzeitig in ihrer Art anschauliche und gegenteilig auch erschreckende Werke über ein hochemotionales Kapitel im Nordirlandkonflikt.

„My body is broken and cold. I’m lonely and I need comfort. From somewhere afar I hear those familiar voices which keep me going: ‚We are with you son. We are with you. Don’t let them beat you‘. I need to hear those voices.“ Bobby Sands

Das bekannteste poetische Werk von Bobby Sands trägt den Namen „The Rythm Of Time“. Dieses Gedicht liest sich wie eine Liste der Werte, für die er bewusst sein Leben ließ. Es bildet einen guten Abschluss für diesen Artikel, desen Veröffentlichung mir sehr am Herzen lag.

The Rythm Of Time

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