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The Cut- Fatih Akin

Ja, da hat er sich was vorgenomen der gute Herr Akin. Den Genozid der Osmanen an den Armeniern um die Jahre 1915/16 herum. Das ganze verpackt in einen Film, der bisher das größte und damit auch das teuerste Projekt des, mit Verlaub, großen Regisseurs ist.

Nicht nur das es viel gekostet hat, auch musste er sich Anfeindungen durch türkische Rechtsextreme gefallen lassen.

Als wäre das nich nicht genug ist der Film, der so viel Kontroverse ausgelöst hat, in den Feullitons der Presse, auch ohne politische Brille, ziemlich verrissen worden.

Was gilt es also zu tun? Wie immer!

Sich selbst ein Bild machen.

Also, nicht nur ein Bild, sondern viele Bilder, die ja bekanntermaßen in einem Kinofilm in hundertstelsekunden nacheinander auf einen einströmen.

Gesagt, getan, ich war im Kino.

Nötige Vorkentnisse: Das Osmanische Reich, welches sich im 1.Weltkrieg mit Österrich-Ungarn und Deutschland verbunden hatte, veranlasste 1915 Deportationen von in Konstantinopel lebenden Armeniern. Diese sogenannten Deporationen mündeten in Massakern und Todesmärschen im kompletten Osmanischen Reich, was 600.000 bis 1,5 Millionen armenische Todesopfer zur Folge hatte.

Begründet wurden diese „Deporationen“ mit der Tatsache, das die Armenier hinterlistig Kriegsgegner des Osmanischen Reichs untersützt hätten, bzw, selbst Osmanen toten würden. So wird das ganze bis heute in der türkischen Geschichtsschreibung lediglich als „sicherheitsbedingte Kriegsmaßnahme“ abgetan.

Der offensichtlich billigend in Kauf genommene Genozid am armenischen Volk ist bis heute nicht offiziel in der Türkei anerkannt, was die Beziehungen der beiden Länder nicht gerade erwärmt.

Ob wissentlich verursachter Genozid oder „kriegsbedingte Maßnahme“, das begangene Unrecht kann niemand abstreiten. Genausowenig wie die jahrzehntelange Traumatisierung für die beteiligten Familien.

Genau hier knüpft Fatih Akin in seinem „The Cut“ an. Das Schicksal eines ganzen Volkes am Überlebenskampf einer einzigen armenischen Familie. Vornweg gesagt, wer den Film anschaut, braucht einen langen Atem.

Denn irgendwo verliert sich der Film zu sehr in seiner durchaus atemberaubenden Landschaft. Atemberaubend deswegen, da 70 Prozent der Aufnahmen in der kragen Wüste spielen, was einer Tragödie sicherlich zuträglich ist, doch für großes Kino schlichtweg zu einseitig.

Zu viele Massenszenen, in denen die Zwangsarbeiten und die Todesmärsche dargestellt werden sollen, und zu wenig Dialog.

Wird dann doch mal gesprochen, sind die hölzern wirkenden Gespräche für das Verstehen des Geschehens nicht gerade hilfreich.

Wie passend, verliert der Hauptdarsteller tatsächlich seine Stimme, was unweigerlich zu noch mehr Szenen ohne weiterführende Wortwechsel führt.

Daraus zieht der Film aber gleichzeitig auch wieder seine Essenz. Den wie kann man etwas derartig abscheuliches in Worte fassen. Wer länger darüber nachdenkt, und der Film hat mich nachdenken lassen (also das schafft er 😉 ) erkennt das zentrale Merkmal des Stimmverlustes als Motiv des Unaussprechlichen über das Geschehne.

Leiden lässt sich eben nicht leicht in Worte fassen. Genauso kennzeichnet der Stimmverlust das bis heute bestehende Abstreiten der Türkei, irgendwo doch für einen Genozid verantwortlich gewesen zu sein. Es wird quasi totgeschwiegen.

Er hat sich also durchaus Gedanken gemacht, der gute Fatih. Wie aber ein guter Stummfilm von Charlie Chaplin (Gott hab ihn selig) driftet „The Cut“ teilweise leider auch ins lächerliche, ja fast schon lachhafte ab. Was bei Chaplin gewollt ist (dessen Film „The Kid“ übrigens quasi im Akin Film in einer Szene gezeigt wird), geht bei diesem ernsten Thema ein wenig nach hinten los.

Es wirkt zwischendurch fast schon unglaubwürdig und grotesk, wie sich der Vater der Famile durch die halbe Welt schlägt, ohne ein Wort sagen zu können, in der Hoffnung seine verschleppten Töchter noch einmal in die Arme nehmen zu dürfen.

Auf dieser Odysee donnert eine Filmmusik durch die Kinolautsprecher, die man eher in einem Italo-Western erwarten würde. Was sicherlich auch nicht so ganz ungewollt ist. Den diese groteske, wilde Irrfahrt durch die Wüste über Kuba und schließlich nach Amerika nimmt zwischendurch schon das „Einer gegen das dreckige Dutzend“ Motiv an.

Akin lässt hier „Tarantino Dialog und Humor“ erkennen, der es schaffen soll, gleichzeitig derbe Witze und Szenen mit dem geschichtsträchtigen Filminhalt zu verbinden. Irgendwie wird man den Gedanken nicht los, teilweise ein armenisches Remake von „Django Unchained“ zu sehen.

Hier zeigt sich aber auch die Unzulänglichkeit, das es zwar für einen langen Film, aber nicht für großes Kino gereicht hat. Wo Tarantino das oben benannte bravoröus hinbekommt, scheitert Akin wahrscheinlich schlichtweg an den nötigen Mitteln. Sei das jetzt Geld (aus Hollywood) oder Fingerspitzengefühl für manche Szenen.

Trotzdem nimmt der Film zum Ende hin immer mehr Fahrt auf, und der Zuschauer wird mit Seefahrten, kubanischem Lifestyle, amerikanischem Hinterwäldler Klischee und einem zweifelhaften Happy-End über die langwierigen Wüstenszenen hinweggetröstet.

Bleibt also das Fazit, welches besagt das hier kein Stück Kinogeschichte geschrieben wurde. Das war aber auch nicht der Plan. Am Ende bleibt der Film fiktiv verpackt, umrahmt von einen geschichtlichen Hintergrund. Darum geht es. Aufmerksam zu machen auf das, was passiert ist. Nicht wie oder warum, sondern das begangene Unrecht aufzuzeigen.

Wenn türkische Rechtsextreme jetzt also Drohungen wegen dem Film aussprechen, zeigt das nur, das der Film doch irgenwie da einschlägt, wo man denselbigen am liebsten nicht mal als Stummfilm gezeigt hätte. Wieso? Weil er Kontroversen und Diskussionen über gewisse Standpunkte und die Verdrängung der eigenen Vergangenheit einer ganzen Nation auslösen konnte.

Überhaupt mutig von Akin, dem deutsch-türkischen Filmregisseur aus Hamburg City, damit ja quasi auch nach seinen eigenen Wurzeln zu graben und zu hinterfragen, was seine Vorfahren mit dem ganzen zu tun gehabt haben.

„Wer einen Kranich sieht, begibt sich auf eine lange Reise“

Viel Spaß im Kino 🙂

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