Legenden des Irish Folk – 04 Shane MacGowan

Kommen wir nun zu Mr.Paddy Rolling Stone himself. Shane O´Hooligan, Public Paddy Enemy Number One, Shane MacGowan. Kein Singer/Songwriter hat jemals so polarisiert wie Shane.

Von Bono, dem Sänger von U2, als einer der größten Singer/Songwriter seiner Zeit geehrt, trat Shane vom irischen County Tipperary seinen durch und durch mit Alkohol durchfluteten Beutezug an. Vom beschaulichen irischen Zuhause ging es schnell fort nach London, wo der Vater eine Arbeit suchte.

Der kleine Shane verkraftete diesen Wechsel nicht ganz unbeschadet. Kein Wunder, das wunderschöne weite grüne Land und die berauschende See wurden nun eingetauscht gegen einen Ort, der komplett industrialisiert war und in dem es alles andere als romantisch zuging.

So dauerte es nicht lange und Shane, der wahrlich kein dummer Junge, nein im Gegenteil, sogar ein Stipendium ergattert hatte, wegen Drogenbesitz endgültig von der Schule geschmissen wurde. Er startete in einem Plattenladen zu arbeiten und vertrieb sich die Abende auf legendären Punk-Konzerten wie dem der Sex Pistols.

So kam er auch das erste mal mit der Presse in Berührung, als ihm nämlich auf diesem Konzert von einem weiblichen Pistols Fan ein Stück seines Ohrs abgebissen wurde. „Cannibalism at Pistols Gig“ war damals die Schlagzeile.

Die Pistols selbst wurden damit nur noch berüchtigter und populärer. Shane, dem dieser Vorfall wahrscheinlich gezeigt hat zu etwas größerem berufen zu sein, gründete daraufhin seine erste Band mit den Namen „The Nipple Erectors“. Gnadenloser Schredderpunk aka Pistols und eine Frau am Bass waren das Markenzeichen dieser Combo.

Doch irgendwo hatte Shane bei all dem industrialisierten London sein irisches Herz noch nicht verloren. So beschäftigte er sich in der Freizeit ausgiebig mit irischer Literatur (Joyce, Behan, Fitzgerald usw.) und Historie, verschlang er Buch an Buch.

So stieß er auch auf einige Kapitel, die die irische Folklore und damit die Musik behandelten. Als kleines Kind wurde Shane von seiner Mutter schon immer das Beste an irischen Balladen zum Einschlafen auf den Weg mitgegeben.

Diese ganzen Punkte führten schließlich dazu, das er sich mit seinem Kumpel Jem Finer, der das Banjo beherrschte, zu ihrem gemeinsamen Freund James Fearnley aufmachten.

Fearnley, der gerade an einem Buch arbeitete, wurde in jener Nacht also mit einem Akkordeon überrascht, das er jetzt lernen sollte. Da sich Fearnley ausgiebig für Töne und die Technik hinter der Musik interessierte, brauchte es nicht lange bis er das Akkordeon einigermaßen beherrschte.

Der Grundstock war gesetzt. Mit Shane´s Saufkumpanen „Spider“ Stacy wurde das vierte Bandmitglied verpflichtet, als man Spider sozusagen zum Tin Whistle spielen zwang, unter dem Vorwand das man ihm ansonsten keinen Platz in der Band gewähren würde.

Aus dem anfänglichen Zwang entwickelte sich ein leidenschaftlicher, Tin Whistle spielender Stacy, der in der Band auch immer den Hintergrundgesangspart übernahm. Von Shane´s vorheriger Band, den „Nipple Erectors“ blieb nur die weibliche Bassistin, Cait O`Riordan übrig.

So wurden also die Pogues gegründet. 4 Männer und eine Frau für ein Hallleluja. Im Laufe der Aufnahmen zum ersten Album stieß mit Andrew Ranken auch noch der Schlagzeuger hinzu. Schlagzeug war im Irish-Folk nicht üblich, aber der Sound der Pogues war auch kein üblicher Irish-Folk, sondern wurde bald unter dem Synonym Folk-Punk, bzw. Shamrock and Roll bekannt.

MacGowan und Mannen knöpften sich dabei jegliche Saufballaden vor, die je von und über die grüne Insel geschrieben wurden. Das ganze wurde dann mit einem gehörgen Schuss Punk gewürzt und fertig war der ganz eigene Pogues Sound.

In späteren Jahren verpflichtete man mit Phillip Chevron und Terry Woods jeweils noch einen Rythmusgitarrist und einen irischen Starmusiker, der neben Zitter, Konzertina, Mandoline ebenso noch das Banjo beherrschte.

Da Cait O´ Riordan nach dem zweiten Pogue Album „Rum, Sodomy and the Lash“ ausstieg, ließ man den damaligen Produzenten Darryl Hunt erst als Ersatz den Bass spielen und machte ihn beim nächsten Album „If I Should Fall From Grace With God“ letztendlich zum vollen Bandmitglied.

Jetzt hatte man eine richtige Startruppe zusammen. Shane McGowan schrieb zu seiner Pogues Zeit Hit an Hit. So viel man über Alkohol sagen will, seiner Kreativität hat es nicht geschadet. Seinem Körper allerdings schon.

Neben übermäßigem Drogenkonsum und unzähigen Räuschen ist Shane vom dürren langen Hansel über die Jahre zu einem aufgedunsenen Wrack geworden. Das ganze hat seinen Rum, pardon, Ruhm allerdings noch verstärkt.

Das bekamen auch die Pogues zu spüren, die Shane, der wegen seiner Saufeskapade nicht mehr tragbar war, im Jahr 1990 während einer Japan Tournee aus der Band geworfen hatten. Danach ging es langsam, aber stetig bergab mit den Pogues. Drei Alben, die allesamt Lobeshymnen und volle Hallen nach sich zogen folgten nun  drei weitere Alben ohne Shane, die nie mehr so wahrgenommen wurden wie ihre Vorgänger.

Ohne Shane waren die Pogues einfach nicht mehr dasselbe. Das mussten sich die anderen Bandmitglieder irgendwann eingestehen, da half auch nichts das teilweise Joe Strummer von „The Clash“ als Frontmann einsprang.

Shane selbst war alles andere als weg vom Fenster, er gründete eine neue Band. „The Popes“ bzw. „Shane McGowan and the Popes“. Hier machte er dort weiter wo er bei den Pogues aufgehört hatte.

Unzählige Liedideen mussten verarbeitet werden, und sie wurden es. Das bekannteste Popes Werk ist sicherlich „The Crock of Gold“. Es enthält reihenweise Hit- und Mitsingmaterial. Shane war weiterhin on Top im Musikbussiness.

Die Pogues allerdings verabschiedeten sich 1995 komplett von der Bühne, als man gemeinsam die Auflösung bekanntgab. Trotzdem hatte man sich über all die Jahre eine treue Fanbase erspielt.Im Jahr 2001 geschah das unglaubliche, die Pogues waren zurück, zwar noch nicht mit Shane, aber immerhin.

2005 dann die Schlagzeile, Pogues Reunion diesmal mit Shane McGowan. Es wurden reihenweise Live-Gigs gespielt, meistens um die Weihnachtszeit, um den Fans quasi ein Präsent zu machen. Shane präsentierte sich dabei hin und wieder in annehmbaren Zustand, oft aber „unter aller Sau“ und sturzbetrunken bis obenhin.

Es kursiert daher bis heute der Witz, das man sich Shane MacGowan deshalb nicht nüchtern vorstellen könne, da ihm noch kein Mensch nüchtern begegnet sei.

Sei´s drum, die Pogues waren wieder unterwegs. Das ganze hielt bis ins Jahr 2013, als ein Mitglied der Pogues, Phillip Chevron, leider an einer Krebserkrankung die schon besiegt schien, verstarb. Seitdem touren die Pogues nur noch sehr sporadisch bis gar nicht.

2012 schließlich hatte ich die Ehre die Pogues live in Paris zu erleben, zu ihrem 30-jährigen Bühnenjubiläum. Das ganze wurde zudem noch auf DVD aufgezeichnet. Ein unvergessliches Erlebnis. Ich begegnete hier Idolen meiner Jugend, die, obwohl schon in einem fortgeschrittenen Alter, das L`Olympia in Paris so zum Kochen brachten, das man fast denken konnte, es marschiert wieder irgendwo eine Menge auf die Bastille zu.

Ein unvergesslicher Abend. Shane, von dem man nie weiß was man live bekommt, lief an diesem Abend ebenfalls zu absoluter Hochform auf. Ihm selbst kann man viel unterstellen. Das er ein Junkie und Alkoholiker sei, das er sein ganzes Können verraucht und versoffen hätte, das er ein wahnsinniges Genie werden hätte können.

Da steckt ja schon der Teufel im Detail. Genie und Wahnsinn. Beides ist Shane bis heute. Immer für einen Witz gut, irischer Gentleman und rotziger Punk in einem. Was wäre den gewesen wenn Shane nie zur Flasche gegriffen hätte und sich nicht mit seinem irischen Hintergrund auseinandergestzt hätte, sondern sein Stipendium an irgendeiner brittischen Elite Uni angetreten hätte. Genau sagen kann man es wohl nicht. Jedoch wäre die Musikwelt, vor allem meine, um einiges ärmer gewesen.

Mittlerweile ist Shane glücklich mit der irischen Journalistin Victoria May Clarke liiert. Beide züchten auch organisches Essen im eigenen Garten. Victoria hat am Anfang versucht Shane von seinem Weg der Eskapaden auf die richtige Spur zurückzuholen, irgendwann aber gemerkt, das sie ihn genauso will wie er ist und ihn deshalb weitermachen lassen.

Beide sind zufrieden. Sie selbst praktiziert und unterrichtet Yoga und spricht mit Engeln. Erschreckt mir bitte nicht bei den Videos wegen Shane´s Zahngesundheit, jahrelanger Drogen,- Zigaretten,-Alkoholkonsum hinterlassen selbst an den besten Beißerchen ihre Spuren.

Vor nicht allzu langer Zeit hat Shane sein Gebiss jedoch erneuern lassen und kann nun endlich wieder Grinsen. Obwohl sein berühmtes Lachen wohl so nie mehr zur Geltung kommen wird, wie früher. Deswegen, Hut ab Shane, und wie hast du es mir in Paris so schön zugerufen: „God bless, good luck, good night“.

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